Frankreichs Lieferungen von wiederaufbereitetem Uran nach Russland stehen erneut im Fokus
Greenpeace Frankreich hat eine heikle Debatte neu entfacht, als Aktivist:innen zehn mit radioaktiven Warnhinweisen gekennzeichnete Container filmten, die im nordfranzösischen Hafen von Dünkirchen auf das Frachtschiff Mikhail Dudin verladen wurden. Das Schiff steht seit Langem im Fokus der Organisation, weil es häufig nuklearrelevantes Material zwischen Europa und Russland transportiert.
Als das Schiff am 15. November anlegte, waren Greenpeace-Teams bereits vor Ort. Sie filmten Arbeiter dabei, wie sie Container mit aufbereitetem Uran an Bord brachten – nach Ansicht der Umweltschützer:innen die erste Lieferung dieser Art seit fast drei Jahren. Die Organisation räumt ein, dass der Export den europäischen Vorschriften entspricht, bezeichnet ihn angesichts der anhaltenden russischen Besetzung des Atomkraftwerks Saporischschja und des Kriegs in der Ukraine jedoch als „unmoralisch“.
Das Filmmaterial wirft zudem erneut die Frage auf, wie Frankreich die hochspezialisierten Phasen seines nuklearen Brennstoffkreislaufs organisiert.
Das Abkommen, das Frankreich an Russland bindet
Die Lieferung geht auf einen 2018 unterzeichneten langfristigen Vertrag zwischen dem französischen Energieversorger Électricité de France und dem russischen Staatskonzern Rosatom über dessen Vertriebsgesellschaft zurück. Das Abkommen, dessen Volumen sich auf rund 600 Millionen Euro belaufen soll, erlaubt Frankreich, wiederaufbereitetes Uran zur Umwandlung und erneuten Anreicherung nach Russland zu schicken. Diese Arbeiten finden in einer Anlage im sibirischen Sewersk statt, einem großen nuklear-chemischen Komplex mit hochspezialisierter Brennstoffkreislauf-Technologie.
Vertreter:innen der französischen Regierung betonen immer wieder, dass die zivile Nuklearzusammenarbeit nicht von den EU-Sanktionen gegen Russland erfasst ist. Diese Ausnahme ermöglicht den Handel, obwohl Frankreich öffentlich für mehr europäische Energieunabhängigkeit wirbt.
Greenpeace macht auf diesen Widerspruch aufmerksam und argumentiert, Frankreich könne nicht von strategischer Autonomie sprechen, solange es bei einem entscheidenden Schritt seines Brennstoffkreislaufs auf russische Infrastruktur angewiesen ist. Zudem kehre nur ein kleiner Teil des erneut angereicherten Urans nach Frankreich zurück und werde im Atomkraftwerk Cruas eingesetzt, während der Großteil in Russland eingelagert bleibe.
Druck, den Brennstoffkreislauf neu zu denken
Regierungsmitglieder haben inzwischen bestätigt, dass Frankreich die Möglichkeit prüft, eine eigene Anlage zur Aufbereitung von wiederaufbereitetem Uran zu bauen. Eine solche Einrichtung würde die Abhängigkeit von Russland verringern und für mehr Transparenz sorgen. Bis eine Entscheidung fällt, legt die Lieferung über Dünkirchen jedoch eine strukturelle Schwäche des französischen Nuklearsystems offen: Ein Land, das sich als Vorreiter in Sachen Energiesouveränität sieht, ist bei einem seiner sensibelsten Nuklearprozesse weiterhin auf eine russische Anlage angewiesen.